Die Karpaten – ein wilder, mystischer Ort. Das denken viele von uns, wenn wir diesen Namen hören, und an Dracula und Transsilvanien, tiefe Täler und steile Pfade durch felsige, von uralten Wäldern überzogene Berglandschaften. Seit Jahrhunderten berühren die karpatischen Zauberwälder die Seelen der Menschen. Hier leben Drachen, Feen, Berggeister und Hexen. Die Karpaten sind der Schauplatz von Sagen und Märchen.

Im Zauberwald
Im Zauberwald — Foto: Ondrej Kameniar

Vermutlich trugen die hier lebenden Tiere und ihre durch die Täler gellenden Laute und sich flüchtig bewegenden Silhouetten in der Dämmerung zur Entstehung der magischen Geschichten bei.

Herbstliches Karpatental
Herbstliches Karpatental — Foto: Karol Kaliský

Zahlreiche Arten leben in den Bäumen, am Boden und in den Feuchtgebieten, Flüssen und Bächen dieses einzigartigen Lebensraums.

Ein Braunbär auf einem Ausguck
Ein Braunbär auf einem Ausguck — Foto: Karol Kaliský

Neben ihrer bedeutenden Tierwelt spielen die Karpaten auch eine zentrale Rolle für unser europäisches Klima. Ähnlich dem Amazonasregenwald speichern ihre Nadel- und Mischwälder gigantische Mengen nicht nur an CO2, sondern auch an Wasser, das sie aus Regen und Schnee in Herbst und Winter einfangen, um es während der trockenen Sommermonate in Teilen wieder an die Atmosphäre abzugeben. Das meiste Niederschlagswasser bindet bemerkenswerterweise der Waldboden. Durch seine natürliche Beschaffenheit arbeitet er wie ein gigantischer, weitflächiger Schwamm.

Kondenswolken in den Karpatenwäldern
Kondenswolken in den Karpatenwäldern — Foto: Karol Kaliský

Vielen Lebewesen, die andernorts auf unserem Kontinent selten werden oder sogar bereits verschwunden sind, bieten diese Baumlandschaften ein Zuhause.

Der sich selbst verjüngende Karpatenwald
Der sich selbst verjüngende Karpatenwald — Foto: Karol Kaliský

So wie dem Habichtskauz: Im Buchenurwald Uholka-Shyrokyi Luh in der Ukraine lebt diese wunderschöne europäische Eule. In Deutschland steht sie auf der Roten Liste. (Das ist eine Art Warnsystem des Bundesamts für Naturschutz über die Aussterbegefahr von Tieren.) Die mit einer Flügelspannweite von bis zu einem Meter für europäische Verhältnisse sehr großen Eulen zeigen eine bemerkenswerte Treue zu ihren Partnern, mit denen sie lebenslange Verbindungen eingehen. Hier kannst du den Ruf eines Habichtskauzes hören:

Deutsche Vogelstimmen: Habichtskauz

In den ukrainischen Buchenwäldern finden die Habichtskäuze ein reiches Nahrungsangebot, vor allem an Mäusen und Eichhörnchen. Die kleinen Nager vermehren sich stark durch vorhandene Massen an Eckern, den Buchensamen. Sie alle leben hier sozusagen im Schlaraffenland.

Habichtskauzküken, sobald es das Nest verlässt, nennt man einen Jungvogel auch Ästling
Habichtskauzküken, sobald es das Nest verlässt, nennt man einen Jungvogel auch Ästling — Foto: Karol Kaliský

Neben den seltenen Eulen finden Biber, Wisente, Gämse, Steinadler und Auerhühner in den Karpaten ihr Zuhause, und rund 4.000 Wölfe und geschätzte 10.000 Bären. Es sind die größten Bestände der beiden Raubtierarten in Europa. In der riesigen Wildnis nehmen Wölfe und Bären die Rolle von Rangern ein.

Eine Bärenmutter säugt ihre Jungen
Eine Bärenmutter säugt ihre Jungen — Foto: Karol Kaliský

Sie halten die Individuenzahl ihrer Beute, der Wildschweine, Rehe und Rothirsche, in Schach, so dass genügend Jungbäume in den Urwäldern nachwachsen können.

Rothirsche beim Brunftkampf auf einem steilen Berghang
Rothirsche beim Brunftkampf auf einem steilen Berghang — Foto: Karol Kaliský

Einen weiteren wichtigen Artenbestand bilden die geschätzten 2.400 Karpatenluchse. Diese Wildkatzen bevorzugen weitläufige Territorien von bis zu 200 Quadratkilometern. Sie stellen eine Unterart des Eurasischen Luchses dar. Das Gebirge bietet ihnen einen nahezu perfekten Lebensraum. Wiederansiedelungsprojekte in anderen mitteleuropäischen Regionen, wo die Tierart ausgerottet wurde, arbeiten häufig mit wilden Karpatenluchsen, wie z. B. im Bayerischen Wald.

Luchs Bayern: Historie

(Wenn du im Menü auf Lautäußerung gehst, kannst du auch hier den Ruf des Tieres hören.)

Dieser Luchs erwartet aufmerksam den Ruf eines paarungswilligen Partners
Dieser Luchs erwartet aufmerksam den Ruf eines paarungswilligen Partners — Foto: Karol Kaliský

Noch erstrebenswerter als logistisch aufwändige Auswilderungen ist eine Wiederherstellung natürlicher Wanderrouten für die Luchse. So könnten sie aus den Karpaten ohne Betäubung und menschlichen Eingriff frei bestimmt in Wälder und Gebirge, wo sie einst heimisch waren, einwandern. Das ist wichtig für langfristig gesunde Nachfolgegenerationen. Den europäischen, sehr kleinen Luchspopulationen wie z. B. in Deutschland droht ohne das Auftauchen einzelner Individuen mit einer anderen genetischen Zusammensetzung als der ihren langfristig erneut ein Aussterben. Ihre Jungen könnten eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten, Schwäche und Fehlbildungen entwickeln. Das wäre bei uns Menschen auch der Fall. Genau aus diesem Grund sind Beziehungen unter Menschengeschwistern verboten. Der Schutz der Karpatenluchse ist überlebenswichtig, auch für die Eurasischen Luchse andernorts.

Eine junge Gams blickt den Fotografen an
Eine junge Gams blickt den Fotografen an — Foto: Karol Kaliský

Neben Rehen sind Gämse die wichtigsten Beutetiere für Luchse in den Karpaten. Besonders beeindrucken die eleganten Kletterkünste dieser Ziegenantilope. Ihre Akrobatik hilft ihnen, sich vor den Raubtieren in Sicherheit zu bringen. Im Winter zieht es die Gämse in die Täler, um unter den Bäumen schneefreie Flächen zu finden. Andere von ihnen klettern auf die höchsten Gipfel, um an Gräser und Kräuter zu gelangen, die unter dem Schnee zum Vorschein kommen, wenn die Winterstürme ihn von den Berghängen pusten. Der Winter ist auch die Paarungszeit dieser Tiere. Die überwiegend einzelgängerisch lebenden Böcke suchen dann die Herden der Weibchen und Kitze auf. Ihre Reviere markieren sie mit einem schwarzen Moschusduft aus einer Drüse hinter ihren Ohren. Falls das nicht ausreicht, um die anderen Männchen in die Flucht zu schlagen, liefern sie sich an den fast senkrechten Karpatenhängen atemberaubende Jagden um die Chefposten. Rund ein halbes Jahr später mit Beginn der nahrungsreichsten Monate kommen dann ihre Kinder zur Welt.

In seinem dicken Winterfell kann dem Karpatenwolf die dicke Schneeschicht nichts anhaben
In seinem dicken Winterfell kann dem Karpatenwolf die dicke Schneeschicht nichts anhaben — Foto: Karol Kaliský

Der höchste Gipfel der Karpaten ist die Gerlachspitze. Sie liegt in der Tatra der Slowakei, wo auch Erik Baláž und sein Filmteam zuhause sind. Wie eng das natürliche Netzwerk der Karpaten seine Tier- und Pflanzenwelt zusammenhält und stärkt, zeigen die Tierfilmer in ihrer vierteiligen Doku-Reihe über die letzte große Wildnis Zentraleuropas. Für Into the Carpathian Wild drehten sie vier Jahre lang in den Tälern und Bergen nicht nur der Fatra-Tatra-Region, sondern entlang des fast 1.500 Kilometer weit reichenden Bergmassivs, das sich von Tschechien bis zur Ukraine über ganze sieben Länder erstreckt. Besonders spektakulär finde ich die Gamsjagden an den steilen Felswänden und das Zusammenfinden eines Luchspaares über etliche Kilometer hinweg. Die Erzählerin ist Olivia Williams, die du aus Serien wie The Crown oder dem Film The Sixth Sense kennen könntest. Schnupper doch mal in die beeindruckende Serie rein:

Into the Carpathian Wild – YouTube

Tierspuren im Schnee auf einer Höhenlage der Karpaten
Tierspuren im Schnee auf einer Höhenlage der Karpaten — Foto: Karol Kaliský

Wenn du mehr über Erik und sein Leben in den Karpaten erfahren möchtest, empfehle ich dir die Podcast-Folge „Leben wie ein Bär: In der Wildnis der Karpaten mit Erik Baláž“.

Hörtipp für Kinder

Der Wolkenjunge – Ein Märchen aus den Karpaten

Märchenbücher

Märchen aus Rumänien

oder antiquarisch:

Die Faule Julka – Märchen aus den Karpaten