"A horse, a horse, my kingdom for a horse!"William Shakespeare, in Richard III

Schnell, stark, elegant und sanftmütig: Pferde haben das Leben von uns Menschen maßgeblich geprägt. Vor Dampflokomotive und Auto waren sie unverzichtbar für uns, um zu reisen, dienten uns als Arbeitskraft in der Landwirtschaft und spielten eine entscheidende Rolle in Kriegen und bei Eroberungszügen. Ihre Kraft und Sanftmut haben in unserer langen gemeinsamen Geschichte zwei ganz bestimmte, sehr gegensätzliche Gefühle im Menschen geweckt: Ehrfurcht vor ihrem Wesen und einen Drang nach Beherrschung. Pferde sind groß und kraftvoll; theoretisch könnten sie uns töten, wann immer sie wollten. Zugleich können sie so friedfertig sein, dass ein Kind sie am Zügel halten und führen kann. Pferde bringen sowohl das Schlechteste als auch das Beste in uns zum Vorschein: Sie werden vernachlässigt, geschlagen, ausgehungert und zu Tode geritten — andere werden als Gefährten geschätzt, zu besten Freunden junger Mädchen und sogar als sanfte Therapeuten im Gesundheitswesen eingesetzt. Unsere Beziehung zu diesen wunderbaren Geschöpfen ist von Ambivalenz und Widersprüchen geprägt. Vielleicht ist es langsam an der Zeit für eine Auflösung.

Rund 15.000 Jahre alte Höhlenmalerei in Lascaux, Frankreich ("Third Chinese Horse")
Rund 15.000 Jahre alte Höhlenmalerei in Lascaux, Frankreich ("Third Chinese Horse") — Quelle: archeologie.culture.gouv.fr

Geschichte der Abstammung

Während ihre frühesten Vorfahren bereits vor rund 60 bis 20 Millionen Jahren durch Laurasia, den nördlichen Urkontinent, streiften, scheinen sich die heutigen Pferde erst im Verlauf der letzten Million Jahre entwickelt zu haben. Vor ihrer Domestizierung vor rund 3500 Jahren v. Chr. jagten wir die Herdentiere zum Verzehr. Höhlenmalereien aus der Steinzeit zeugen von ihrer großen Bedeutung für unsere damalige Wahrnehmung der Welt. Zu den Gottheiten, die mit Pferden in Verbindung gebracht wurden oder selbst Pferdegestalt annahmen, zählen der geflügelte griechische Pegasus — ein Kind des Poseidons — sowie die keltische Epona, eine Schutzgöttin der Pferde und Symbol für Fruchtbarkeit und spirituelle Reisen. Berühmte Herrscher pferdeorientierter Kulturen waren der Mongole Dschingis Khan, bekannt für seine schlagkräftige Kavallerie und seine Eroberungserfolge, sowie der Skythe Ateas, dessen nomadisches Kriegervolk die Tiere schätzte und schmückte. Die Skythen entwickelten eine leichte Reitausrüstung, die ohne scharfe Gebisse oder Maulschlingen auskam. Gemeinsam mit einem ihrer Nebenstämme, den altiranischen Kimmeriern, gelten sie auch als erste Pferdehändler. Später machten auch Mongolen und Türken mit gezähmten Wildpferden ihre Geschäfte. Infolgedessen verbreiteten sich die Tiere über ganz Europa bis ins östliche Asien. Ihre Geschichte wiederholte sich dabei auf ähnliche Weise wie zuvor unter Europäern und Asiaten: Pferde veränderten das Leben der amerikanischen Urvölker, indem sie halfen, ihre Mobilität zu steigern und die Jagd zu optimieren. Auch hier wurden Pferde zu heiligen kulturellen Symbolträgern für die Menschen.

Symbolik von Macht und Spiritualität

In vielen Kulturen galten die Tiere als kostbar und waren Zeichen ihrer Reiter für einen hohen gesellschaftlichen Status. Weltweit signalisierten sie im Besitz von Menschen Macht, Adel, Glück und Eroberung. Der Reiter auf einem Pferd symbolisierte die Fähigkeit zu befehligen und zu beherrschen — sowohl das Tier als auch über das Reich und seine Untertanen. Römische Kaiser wie Marcus Aurelius wurden zu Pferd dargestellt. Diese Darstellungen waren das visuelle Vorbild, das spätere europäische Monarchen und Ritter von ihren Porträtmalern kopieren liessen. Die erhabene Erscheinung der berittenen Ritter und Könige wurde als weltliche und spirituelle Autorität gelesen, die vom Himmel durch sie als göttlich Auserwählte herabfloss.

Bronzeskulptur v. Marcus Aurelius zu Pferd, ca. 173–176 n. Chr., Kapitolinische Museen, Rom
Bronzeskulptur v. Marcus Aurelius zu Pferd, ca. 173–176 n. Chr., Kapitolinische Museen, Rom

Die Schlachtrösser des Mittelalters verkörpern auf eindrucksvolle Weise unsere vielschichtige Beziehung zu Pferden im Spannungsfeld zwischen Beherrschung und Ehrfurcht. So musste beispielsweise der Destrier — das legendäre Schlachtross gepanzerter Ritter — nicht nur das Gewicht des Reiters und dessen bis zu 30 kg schwere Rüstung tragen, sondern auch seine eigene Panzerung. Diese Pferde besaßen eine schier überirdische Kraft und waren für den direkten Kampf ausgebildet: Sie lernten zu treten, zu beißen und sich ihren Weg durch die feindlichen Linien zu bahnen. Bisweilen genügte bereits ihr scheinbar unbezwingbares Erscheinungsbild, um den Gegner — erfüllt von Schock und Ehrfurcht — in die Flucht zu schlagen. Doch neben ihrer kriegerischen Leistungsfähigkeit wurden Rassen wie der spanische Andalusier nicht nur im Kampf sehr geschätzt, auch ihre Intelligenz und die Möglichkeit zur tiefen, geistigen Verbundenheit mit ihnen faszinierte die Reiter.

Spirituelle Verbindung

Wie ein goldener Faden zieht sich die spirituelle Verbindung zwischen Mensch und Pferd durch unsere Kulturen und verwebt unsere lange gemeinsame Geschichte miteinander. In schamanischen Traditionen gelten Pferde oft als Wesen, die Brücken schlagen — sie tragen Seelen ins Jenseits oder übermitteln als Seelenführer und Gefährten geistige Botschaften. Es existieren vielfältige religiöse Vorstellungen über das Dasein von Pferdeseelen. Nach hinduistischem und buddhistischem Verständnis können sie verschiedene Daseinsformen durchwandern und sich sowohl zu Lebzeiten als auch nach dem Tod noch weiterentwickeln. Über verschiedene Kulturen und Jahrtausende hinweg sind Legenden von sprechenden Pferden sowie solchen, die zwischen der materiellen und der geistigen Welt wandeln, überliefert. Das tibetisch-buddhistische Konzept des "Windpferdes" symbolisiert die menschliche Seele; auch viele indigene Völker Amerikas betrachteten Pferde als heilige Wesen, die mit dem Wind und Geistern in Verbindung standen. Die Lakota nannten die Huftiere "Sunka Wakan" — den "geheimnisvollen Hund" —, wobei sie Pferde erst ab dem 16. Jahrhundert kennenlernten, nachdem diese durch die spanischen Konquistadoren wieder auf den Kontinent gebracht worden waren. Die ersten Pferde in Amerika waren nämlich rund 10.000 Jahre zuvor ausgestorben. Als einen Grund dafür vermuten Wissenschaftler übermäßige Jagd und klimatische Veränderungen.

Wildlebende Pferdegruppe
Wildlebende Pferdegruppe — Foto: Vahob Momimov

Heilsame Präsenz

Bei direkten, physischen Begegnungen erweisen sich Pferde — mit ihrer natürlichen Würde und Anmut, ihrer Verletzlichkeit als Fluchttiere und ihrer beeindruckenden körperlichen Kraft — als Lehrmeister für Mitgefühl und achtsame Präsenz. Die Verbindung zu diesen großen, starken Wesen erfordert Vertrauen, Demut und Ausrichtung — Eigenschaften, die auch für spirituelle Praktiken von zentraler Bedeutung sind. Pferde reagieren unmittelbar und wertungsfrei auf unsere energetische Ausstrahlung, unsere Körpersprache und unsere emotionalen Zustände. Diese Eigenschaft macht sie zu kraftvollen Spiegeln unseres inneren Befindens. Viele Menschen erfahren das Reiten und die Nähe zu Pferden als meditatives Erlebnis. Die rhythmischen Bewegungen, die vom Reiter geforderte Präsenz im Augenblick und die nonverbale Kommunikation mit den Tieren können helfen, zu innerer Ruhe zu gelangen. In der pferdegestützten Therapie helfen Pferde Menschen durch gezielte Interaktion dabei, zu heilen, zu wachsen und wichtige Lebenskompetenzen zu entwickeln. Ebenso werden pferdegestützte Trainings für Führungskräfte angeboten, um deren Leitungskompetenzen zu stärken. Da die Kommunikation von Pferden meist über Energie und subtile Körperzeichen erfolgt, "sprechen" sie durch Präsenz, über ihre Atmung, kleinste Ohrenbewegungen oder Veränderungen ihrer Körperhaltung. Diese nonverbale Sprache ist überaus ehrlich und direkt. Oft können sie menschliche Gefühle wahrnehmen — womöglich sogar besser als die Menschen selbst. Man sagt Pferden nach, dass sie Angst, Trauer, Freude oder innere Unruhe spüren, sogar bevor wir diese Emotionen bewusst in uns wahrnehmen. Für den Menschen vermitteln diese Fähigkeiten Nähe und Trost. Zudem verfügen Pferde über ein ausgeprägtes Vermögen, sich an emotionale Verbindungen zu erinnern, und können tiefe Beziehungen mit anderen Lebewesen eingehen. Viele Pferdemenschen berichten von Momenten inniger Verbundenheit, in denen die Grenzen zwischen Mensch und Tier zu verschwimmen scheinen und sich die Seelen berühren. Vielleicht sind die antiken Vorstellungen über Amazonen als gottgleiche Reiterinnen und die Mythen um die Zentauren — jene Mischwesen aus Mensch und Pferd — einst den Beobachtungen einer so tiefen geistigen Verbindung zwischen Mensch und Tier entsprungen.

Zeit für einen Wandel

Pferde haben das Leben der Menschen schon immer bereichert und gefördert. Die Zeiten — zumindest in der westlichen Welt —, in denen der Konsum oder die Nutzung eines Pferdes für den Menschen eine Frage von Leben und Tod war, liegen längst hinter uns. Es ist an der Zeit, dass wir uns auf die oben genannten Erkenntnisse besinnen und aufhören, diese Tiere zu missbrauchen. Auch heute noch fordern der Pferdehandel und die -zucht den Tieren zu große Opfer ab. Paradoxerweise sind manche Menschen, die gerne von anderen als Einheit mit dem Pferd bewundert werden möchten, gar nicht an einer echten Verbindung zu diesen Tieren interessiert. Zu häufig stehen finanzielle Gewinnmöglichkeiten und der Wunsch nach öffentlicher Anerkennung in aufwändig inszenierten Spektakeln — etwa im professionellen, aber selbst in der Freizeit betriebenen Pferdesport — über dem Wohlergehen der Tiere. Tödliche Vorfälle, z.B. bei Pferderennen oder Springturnieren, werden nicht selten unter den Teppich gekehrt, um Zuschauer nicht abzuschrecken, obwohl offizielle Stellen solche Todesfälle registrieren wollen. Der Allgemeinheit werden überwiegend nur jene Fälle bekannt, in denen die Tiere vor den Augen der Öffentlichkeit unmissverständliche Anzeichen von Leid gezeigt haben. Die meisten dieser Pferde sterben dabei nicht während, sondern erst nach sportlichen Veranstaltungen an Verletzungen oder Erschöpfung — fernab eines Publikums —, andere wiederum durch den Transport, falsche Ernährung oder Rücksichtslosigkeit. Neben dem Sportbereich gibt es weitere Formen des Missbrauchs; so werden beispielsweise trächtige Stuten auf schmerzhafte Weise zur Gewinnung von Choriongonadotropin ausgebeutet — einem Hormon, das in der Massentierhaltung anderer Nutztiere, z.B. bei Schweinen, eingesetzt wird. Es verkürzt bei den Sauen die natürlichen Intervallzeiten zwischen Schwangerschaften und zwingt sie, schneller wieder empfänglich zu sein, lässt die fruchtbaren Tage zeitlich für die Züchter fest planen, erhöht die Anzahl an Nachkommen und bringt sehr junge Schweine schneller in die Pubertät und somit in die Lage, schwanger zu werden. Zulieferer, die das Hormon von den Stuten gewinnen und den Züchtern verkaufen, gibt es hauptsächlich in Südamerika und Asien, aber auch in Europa. Die Entnahme mit überdicken Kanülen zur Maximierung des Ertrags verursacht den Tieren deutlich erkennbar Schmerz, ganz abgesehen von ihrem psychischen Stress dabei.

Der menschliche Drang nach Kontrolle, das Bedürfnis, sein Selbst mit der Pracht des Pferdes zu schmücken und dessen spirituelle und physische Magie zu nutzen, verleitet manche dazu, den Tieren schweres Leid zuzufügen oder gar ihre Körper völlig zu zerstören. Hinter diesem seltsamen menschlichen Verhalten verbirgt sich auch eine psychologische Komponente. Der Zwang zur Kontrolle mag in menschlichen Ängsten wurzeln — nicht nur in der Angst vor der körperlichen Kraft des Pferdes, sondern auch vor unserer eigenen emotionalen Verletzlichkeit, die zutage tritt, wenn wir eine echte Verbindung zu einem anderen Lebewesen eingehen. Ein Pferd, das frei entscheiden kann, könnte sich gegen uns entscheiden. Dies bedroht manches menschliche Ego zutiefst. Pferde besitzen wahrlich übernatürliche Kräfte: Sie machen unsere Ängste und unser Kontrollbedürfnis sichtbar und bieten uns zugleich die Chance, unser Potenzial für echte Verbundenheit, Vertrauen und Schutz zu erkennen. Das heilige Band zwischen Mensch und Pferd bleibt eine unserer tiefsten Beziehungen — ein Spiegel, der sowohl unsere Fähigkeit zu ihrer Unterwerfung und gleichzeitig tiefe Sehnsucht nach einer authentischen Verbindung zur Tierwelt reflektiert.