Ihre anmutigen Bewegungen, ihre aufmerksamen Augen und das räuberische Verhalten von Gottesanbeterinnen wecken viele Assoziationen bei uns Menschen. Den Khoisan, traditionell lebenden Ethnien im südlichen Afrika, gelten sie als Symbol für ihren die Welt erschaffenden Gott ǀKaggen. Dieser Gott ist ein Gestaltwandler, der viel Durcheinander stiftet. Nichtsdestotrotz sind Gottesanbeterinnen für sie ein gutes Omen. Ihr Auftauchen interpretieren die Khoisan als eine Art göttliche Botschaft. In anderen Ecken Afrikas liest man die Sichtungen der Insekten weniger positiv als Zeichen für eine Hexerei. Im Westen verwenden wir ihren Namen metaphorisch für eine Femme Fatale: Eine Frau, die ihre Männer sexuell „verspeist". Das tut dieses Insekt nach ihrer Verpaarung nämlich wortwörtlich. Sobald die Befruchtung erfolgt ist und das Männchen noch auf dem Rücken der Gottesanbeterin sitzt, spießt sie ihn mit den Dornen an ihren Fangarmen auf und beißt ihm den Kopf ab. Manchmal tut sie das sogar noch während der Paarung. Biologen konnten beobachten, dass Männchen ohne Kopf sogar noch heftiger kopulierten und den Samenabstoß unberührt vollzogen, da das hierfür zuständige Nervenzentrum im Hinterleib der Tiere unabhängig von ihrem Gehirn arbeitet. Sehr interessant.

Dazu gänzlich im Widerspruch steht ihr frommer Name, der seinen Ursprung darin fand, dass die Fangarme der Gottesanbeterin, unter anderem ihre deutschen Namensgeber, an eine Gebetsstellung erinnerten. Unsere Aufmerksamkeit zogen die anmutigen Fangschrecken belegt vor mehreren tausend Jahren auf sich. In vielen Sprachen lautet ihr Name Mantis, was sich vom altgriechischen mántis herleitet. Das dazugehörige Verb maínesthai kann man mit „von Göttlichkeit erfüllt sein" übersetzen. Auch unser Begriff Manie findet in diesem griechischen Wort seinen Ursprung. Die Raub-Insekten sind imstande, sehr lange innezuhalten, wenn sie ihrer Beute, das sind andere Insekten, Spinnen oder kleine Wirbeltiere, auflauern. Dieses Verhalten erinnerte die alten Griechen an den Trancezustand ihrer menschlichen, gesellschaftlich hoch gestellten Seher, die ihnen den Willen der Götter und die Zukunft lasen.

Im alten Ägypten kannte man Gottesanbeterinnen ebenfalls. Sie nahmen die Funktion von Führerinnen bei Verstorbenen ein. Archäologen fanden mumifizierte Mantiden in Oxyrhynchos, einer Grabungsstätte 160 Kilometer südlich von Kairo. Sie wurden wie Katzen und viele andere Tiere den menschlichen Mumien auf ihrer Reise ins Totenreich beigelegt.

„Ich bin zum König gegangen, vorbei an meinem Haus. Es war die Gottesanbeterin, die kam, um mich zu holen."Ägyptisches Totenbuch

Besonders spektakulär sind die Eigelege der Gottesanbeterinnen an winterlichen Pflanzenhalmen, sogenannte Ootheken. Die Weibchen legen diese Eipakete im Spätsommer oder Herbst. Kurze Zeit später sterben sie. Geschützt in den Kokons überwintern ihre Nachkommen während der kalten, für Insekten, die ihre Körperwärme aus Sonnenlicht ziehen, unwirtlichen Monate und schlüpfen im darauf folgenden Jahr zwischen April und Juni.

Junge Gottesanbeterinnen sitzen auf ihren Ootheken an einem Zweig
Foto: Annette Meyer

Durch sich global veränderndes Klima findet man die wunderschönen Insekten immer häufiger auch in Deutschland. Sie wandern in Richtung Norden, unter anderem von Freiburg ausgehend am Rhein entlang und aus Polen und Tschechien kommend bis auf die Ostseeinsel Usedom. Mit Glück beobachten kannst du die Tiere zum Beispiel in der Niederlausitzer Heidelandschaft. Oder du gehst, wenn du mal wieder in Berlin sein solltest, auf das ehemalige Flughafengelände Tempelhofer Feld oder in den Naturpark Schöneberger Südgelände, und hältst die Augen gut nach den beeindruckenden Gottesanbeterinnen auf:

NABU Berlin: Gottesanbeterinnen breiten sich aus